Noch einmal, ehe der Sommer verblüht,
wollen wir für den Garten sorgen,
die Blumen giessen, sie sind schon müd,
bald welken sie ab, vielleicht schon morgen.
Noch einmal, ehe wieder die Welt
irrsinning wird und von Kriegen gellt,
wollen wir an den paar schönen Dingen
uns freuen und ihnen Lieder singen.
Hermann Hesse über das Zuhören: Siddhartha und der Fluss des Lebens
«Der Fluss ist überall zugleich, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Gebirge, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft.»
»Zärtlich blickte er in das strömende Wasser, in das durchsichtige Grün, in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel schwimmen, Himmelsbläue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte der Fluss ihn an, mit grünen, mit weissen, mit kristallnen, mit himmelsblauen.
(…)
Lerne von ihm!
Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien ihm, würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.
(…)
Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff seine Seele. Er sah: das Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allzeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!»
«Der Fluss lernt ihm, dass es keine Zeit gibt. Er lernt ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.»
«Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses. Siddhartha schaute ins Wasser und im ziehenden Wasser erschienen ihm Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd, er selbst erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe, begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wünsche stürmend, jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. Der Fluss sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, sehnlich floss er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.
„Hörst du?“ fragte Vasudeva stummer Blick, Siddhartha nickte.
„Höre besser!“ flüsterte Vasudeva.
Siddhartha bemühte sich besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas Bild erschien und zerfloss, und das Bild Govindas, und andre Bilder, und flossen ineinander über, wurden alle zum Fluss, strebten alle als Fluss dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluss, Siddhartha sah ihn eilen, den Fluss, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, leiden, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem erfolgte ein Neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den Himmel herab, ward Quelle, ward Bach, ward Fluss, strebte aufs neue, floss aufs neue. Aber die sehnliche Stimme hatte sich verändert. Noch tönte sie, leidvoll, suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude und des Leids, gute und böse Stimmen, lachende und trauernde, hundert Stimmen, tausend Stimmen.»
«Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all die gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Leiden des Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Lied lauschte, wenn er sich nicht auf das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alles hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das grosse Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hiess Om: die Vollendung.»
«Langsam blühte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit zu denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können.»
Was ist Glück? - Dem Sinn dieses Wortes, das er auch für seinen Klang liebte, hat Hermann Hesse zeitlebens nachgespürt. Was er selbst als beglückend empfand, war selten materieller Natur - tiefste Quelle des Glücks waren ihm die Eindrücke, die wir der Empfänglichkeit unserer Sinnesorgane verdanken, der Fähigkeit, uns zu verlieben und hinzugeben, dem Erlebnis des Einklangs der Innen- mit der Außenwelt.
Hesse versteht es, in diesem Buch mehrere Zustände des Glücks zu beschreiben. Sehr gefallen dabei die Naturbeschreibungen. In einer so hektischen Zeit wie dieser ist es immer wichtig, sich auf die wahren Momente des Glücks zu besinnen und nicht nur auf das künstliche Glück welches durch den Konsum heute hervorgebracht wird. Er beschreibt treffend die Freude die man bei einer Naturbetrachtung und beim Reisen empfindet.
Die allermeisten Texte in diesem Suhrkamp-Taschenbuch beschäftigen sich mit dem Sommer, dem Hochsommer, dem Abschied vom Sommer. Dass Hesse den Sommer besonders mochte, weiß jeder, der schon Autobiographisches von ihm gelesen hat.
Unerträgliche Sommerhitze, die glücklich macht - durch fast alle Lebensjahrzehnte von Hermann Hesse. Selbst wenn man einzelne Passagen daraus bereits in anderen Hesse-Zusammenstellungen hat, lohnt sich dieses Buch zum Lesen und Wiederlesen.
Niemand kann so wundervoll mit Worten Bilder malen. Einfach ein Muss für jeden, der Hermann Hesse mag. Die unterhaltsamen Kurzgeschichten werden durch schöne Gedichte unterbrochen. - Das Buch in Ruhe bei einem guten Glas Grumello, einem italienischen Rotwein, genießen. Das ist übrigens der Lieblingswein des Dichters.
"Nicht, daß ich mich für einen Maler hielte, aber das Malen ist wunderschön. Man hat nachher nicht wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue", so Hermann Hesse 1925. Im Alter von 40 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, hat Hermann Hesse zu malen begonnen. Es war ihm ein Ausweg in den bittersten Zeiten seines Lebens. Anfänglich illustrierte er seine eigenen Gedichte und verkaufte sie als bibliophile Raritäten. Die meist kleinen, sehr expressionistischen Aquarelle mit ihrer Farbigkeit waren für Hesse ein Ausgleich, eine Art Ausruhen vom Schreiben, ja um Distanz von der Literatur und der Welt zu gewinnen.
Seit seinen autodidaktischen Anfängen im Ersten Weltkrieg, die dem damals Vierzigjährigen eine schwere Krise zu überwinden halfen, hat Hesse bis ins hohe Alter etwa zweitausend Aquarelle gemalt. Die meisten von ihnen sind Liebeserklärungen an die farbenfrohen Landschaften seiner Tessiner Wahlheimat und ihren damals noch unerschöpflichen Reichtum an zauberhaften Motiven.
"Aus der Trübsal, die oft unerträglich wurde, fand ich einen Ausweg für mich, indem ich, was ich nie im Leben getrieben hatte, anfing zu zeichnen und zu malen. Ob das objektiv einen Wert hat, ist einerlei; für mich ist es neues Untertauchen in den Trost der Kunst, den die Dichtung mir kaum noch gab. Hingegebensein ohne Begierde, Liebe ohne Wunsch."
Aus einem Brief an Felix Braun, 1917
"Meine kleinen Aquarelle sind eine Art Dichtungen oder Träume, sie geben von der ‚Wirklichkeit' bloß eine ferne Erinnerung und verändern sie nach persönlichen Gefühlen und Bedürfnissen (...), dass ich (...) nur ein Dilettant bin, vergesse ich nicht."
"Jeder von uns Künstlern, auch wenn er viel an sich zweifeln muss und sein Talent und Können als scheußlich klein empfindet, hat einen Sinn und eine Aufgabe und leistet, wenn er sich treu bleibt, an seinem Ort etwas, was nur er zu geben hat. Wenn Du mit mir im Tessin malst, und wir beide das gleiche Motiv malen, so malt jeder von uns nicht so sehr das Stückchen Landschaft als vielmehr seine eigene Liebe zur Natur, und vor dem gleichen Motiv macht jeder etwas anderes, etwas Einmaliges. (...) Und wie viele Maler, die für Stümper oder für Barbaren in der Kunst galten, erwiesen sich nachher als edle Kämpfer, deren Werke den Nachfolgern oft tröstlicher sind und inniger geliebt werden als die größten Werke der klassischen Könner!"
Aus einem Brief an Bruno Hesse, 1928
"In meinen Dichtungen vermisst man häufig die übliche Achtung vor der Wirklichkeit, und wenn ich male, dann haben die Bäume Gesichter und die Häuser lachen oder tanzen oder weinen, aber ob ein Baum ein Birnbaum oder eine Kastanie ist, kann man meistens nicht erkennen. Diesen Vorwurf muss ich hinnehmen. Ich gestehe, dass auch mein eigenes Leben mir sehr häufig wie ein Märchen vorkommt. Oft sehe oder fühle ich die Außenwelt mit meinem Inneren in einem Zusammenhang und Einklang, den ich magisch nennen muss."
Aus: Kurzgefasster Lebenslauf, 1925
Im April 1933, nachdem Hesse aus der Casa Camuzzi in die Casa Rossa gezogen war, besuchte der junge Gunter Böhmer Hermann Hesse und richtete sich in der Casa Camuzzi ein. Zehn Jahre später, 1943, siedelte der Maler Hans Purrmann, Schüler von Henri Matisse, nach Montagnola über und zog einige Zeit später ebenfalls in die Casa Camuzzi. Mit beiden Malern und Zeichnern verband Hesse eine ihn beglückende Künstlerfreundschaft. Böhmer unterstützte Hesse bei dessen Bemühungen, sich künstlerische Techniken und die Gesetze unterschiedlicher Perspektivdarstellungen anzueignen.
Hermann Hesse ist nicht nur einer der meistgelesenen deutschen Autoren weltweit, er hat auch einen starken Bezug zur Natur und zum Garten, aus dem er schöpfte und der als Nährboden seines Wirkens unerlässlich war. Hesses Garten in Gaienhofen am westlichen Bodensee ist der einzige, den er nach eigenen Vorstellungen angelegt und gestaltet hat. Dort lebte er nach dem Prinzip der Selbstversorgung – schon damals, lange vor dem Kult um das »Leben auf dem Lande«. Er wollte damit ein Zeichen setzen für eine gesellschaftspolitische Haltung gegen den allgemeinen Trend der Industrialisierung, Verstädterung, Entfremdung und Entmenschlichung.
Im Frühjahr 1908 begann Hesse, sein Land zu bewirtschaften, bepflanzte die Beete, setzte Bäume, legte einen Beerengarten, Wasserstellen, Wege und einen Kiesplatz an. Auf dem Kiesplatz, direkt hinter der nördlichen Seite des Hauses, setzte er im Zickzack fünf Kastanienbäume, mit denen er Kindheitserinnerungen an seine Heimatstadt Calw verband und die neugierige Blicke der Dorfbewohner abhielten. Von hier aus führte ein Weg weiter nördlich durch bunte Blumenbeete, hohe Stauden und üppige Gemüsebeete. Dahinter lag ein Holzschuppen und weiter nördlich ein kleiner Platz, wild bepflanzt mit Sträuchern, einem Flieder und ein paar Wildrosen. Auf dieser Fläche, die besonders reichhaltige Erde besaß, legte Hesse auch einen Komposthaufen an.
Sein Garten wurde von Eva Eberwein restauriert und wiederhergestellt. Heute ist er Anziehungspunkte für Literaturfans und Gartenfreunde aus aller Welt. Das Buch nimmt uns mit in die damalige Welt Hermann Hesses, schildert lebendig und einfühlsam seine Beweggründe, den Garten genau so anzulegen, seine Erlebnisse darin und sein Wirken in dieser Zeit.
Wie ein Hausbaum stand er westlich schräg vor der Eingangstür, als sei es schon immer so gewesen. Im Sommer hielt der Schatten der Baumkrone Küche und Speisekammer kühl. Auf der Nordseite des Hauses erstreckte sich der größere Teil des Gartens, von Hesse „oberer Garten“ genannt, südlich des Gebäudes lag eine kleinere Fläche. Im Frühjahr 1908 begann Hesse, sein Land zu bewirtschaften, bepflanzte die Beete, setzte Bäume, legte einen Beerengarten, Wasserstellen, Wege und einen Kiesplatz an.
Der Leser kann in dem Buch von Eva Eberwein intensiv nachfühlen, wie sie den Garten des Poeten im Jahreskreislauf der Natur sich erschließt und belebt, wenn sie mit den Gießkannen und den rostigen Spaten des Dichters auf seinen Spuren unter der Rosskastanie die Erde bearbeitet, wenn sie Blumen und die alten Rosen beschneidet, von der Kapuzinerkresse schwelgt oder aus der Regenwasserzisterne schöpft und aus dem Dunghaufen die Kraft für neuen Anwuchs holt. Ihren Erlebens- und Erfahrensbericht in den Grenzen der Hainbuchenhecke, die Hesse gepflanzt, aber nie in ihrer vollen Größe gesehen hat,